Digitalisierung – was ist das eigentlich?

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Digitalisierung - was ist das eigentlich?
iStock.com/BrilliantEye

War unter „Digitalisierung“ ursprünglich der technische Akt zu verstehen, analoge Daten in Bits und Bytes zu überführen, ist sie längst ein gesamtgesellschaftliches Phänomen. Sie beeinflusst und verändert nahezu alle Lebensbereiche. Die Informationsbeschaffung, ihre Verarbeitung und die Kommunikation erfolgen längst digital. Die betriebliche Wertschöpfung wird immer stärker durch digitale Lösungen unterstützt, zum Teil sogar durch sie ersetzt. Algorithmen, Massendaten, das Internet und Roboter sind integrale Bausteine unternehmerischen Handelns geworden. Die Effizienz in betrieblichen ebenso wie in privaten Prozessen wird so stetig erhöht und schafft Freiräume …, in denen wir noch tiefer in die digitale Welt eintauchen.

Und gleichzeitig wird auch die Kritik an dieser Entwicklung immer lauter. Die Ubiquität des mobilen Internets verführt zur permanenten Nutzung. Keine Nachricht darf liegen und unbeantwortet bleiben. Hart im Zeitalter der zweiten industriellen Revolution erkämpfte Grenzen erlaubter Arbeitszeiten werden schleichend aufgeweicht. Kinder und Jugendliche entziehen sich zunehmend der analogen Welt und bewegen sich primär in virtuellen Räumen. Ein Tag ohne Smartphone ist ein verlorener Tag! Die Vertrauenswürdigkeit von Informationen ist zunehmend schwerer zu beurteilen und „alternative Fakten“ verändern die Meinungsbildung. Gerade bei den sogenannten „Digital Natives“, also bei den jungen Menschen, die eine Welt ohne mobiles Internet nicht mehr kennen. Hier dominiert die Wissensbildung durch die Aufnahme mundgerechter Informationshappen, für deren kritische Reflexion keine Zeit mehr bleibt.

Dynamik der Veränderung nimmt in exponentiellem Maße zu

Damit ist die Digitalisierung nicht weniger als eine Revolution! In relativ kurzer Zeit hat sich ein grundlegender und nachhaltiger struktureller Wandel ergeben. Und dieser ist nicht mehr zu stoppen. Im Gegenteil. Der Wandel ist geprägt durch exponentielle Entwicklungen. Zum einen durch die zunehmende Vernetzung von Menschen und Geräten. Zum anderen durch das überraschenderweise auch weiterhin gültige „Gesetz“ von Gordon Moore, der die Verdoppelung der Rechnerleistung von integrierten Schaltungen (aka Computer-Chips) alle 12 bis 24 Monate bereits 1965 postulierte. Auch wenn unser Gehirn unglücklicherweise nur lineare Entwicklungen erfassen kann und uns zu entsprechend linearem Handeln anregt, so müssen wir einfach davon ausgehen, dass die Dynamik der Veränderung in demselben exponentiellen Maße zunimmt wie die technischen Möglichkeiten.

Und daraus lässt sich die derzeit größte Angst ableiten, die mit der Digitalisierung verbunden ist: die Veränderung der Arbeitswelt!

Die Berufsbilder von einst sind digital überholt und stehen nahezu täglich erneut auf dem Prüfstand. Gleichzeitig werden immer mehr betriebliche Aufgaben von Computern und Maschinen übernommen. Viel zitierten – aber zugegebenermaßen gleichzeitig auch viel kritisierten – Studien zufolge könnte dadurch bis zum Jahr 2030 tatsächlich sogar rund die Hälfte aller heutigen Arbeitsplätze wegfallen.

Angst vor Veränderung ist nicht neu

Nun muss man aber feststellen, dass die Grundangst, dass Technik nicht nur den Arbeitsplatz verändert, sondern auch Menschen ersetzt, nicht neu ist! Sie lässt sich bis zu den Anfängen der ersten Industriellen Revolution zurückverfolgen. Seitdem haben sich Elektrifizierung, Automatisierung und Elektronifizierung schrittweise und jeweils nachhaltig auf Arbeitsplätze, Berufsbilder und letztlich den gesamten Arbeitsmarkt ausgewirkt. Zu Beginn jeder dieser Phasen wurden diesbezüglich Bedenken laut und diskutiert. Zum Teil sogar sehr handgreiflich. Etwa bei dem Aufstand der schlesischen Weber 1844 als Teil einer europäischen Protestbewegung, die unter dem Begriff „Maschinensturm“ in die Geschichtsbücher eingegangen ist.

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Mehr Chancen als Risiken

Im Rückblick fällt aber eines auf: Der technologische Wandel bietet mehr Chancen als Risiken, auch und insbesondere mit Blick auf den Arbeitsmarkt!

Und nun ist es also die weltweite mobile Vernetzung digitaler Endgeräte und Komponenten im Zusammenspiel mit zunehmender Rechnerleistung, Mikrosensorik und künstlicher Intelligenz. Genauso wie in den vorherigen industriellen Revolutionen wird uns die neue Technologie von Routinearbeiten weiter befreien. So wird die digitale Welt, gepaart mit innovativen Robotern, der Fertigung und Warenwirtschaft durch Automatisierung manuelle Tätigkeiten abnehmen. Aber auch die kognitive Routine entfällt mehr und mehr. Standardisierte Sachbearbeitung (z. B. Schadensfallbearbeitung einer Versicherung), allgemeine Kundenkommunikation (z. B. Information zu Serviceverträgen) oder die Beschaffung von Material werden zukünftig ausschließlich elektronisch abgewickelt. Hier spricht man von „Robotic Process Automation (RPA)“ und zynischerweise vom „Digitalen Mitarbeiter“.

Also ja, auch die Digitalisierung führt dazu, dass zahlreiche Arbeitsplätze verloren gehen.

Nun haben digitale Systeme aber ihre Grenzen. Vor allem dort, wo es gilt, kreativ, empathisch und visionär zu sein. Dies ist nach wie vor dem menschlichen Gehirn vorbehalten. Und nach allem Anschein wird das auch so bleiben. Selbst die kreativsten, empathischsten und visionärsten Experten unserer Zeit tun sich schwer mit der Vorstellung, dass diese Prädikate irgendwann einen Computer bezeichnen könnten. Und hier besteht eine große Chance für unseren Arbeitsmarkt. Denn: Benötigt werden zukünftig vermehrt und irgendwann ausschließlich Mitarbeiter, die in hohem Maße diese Eigenschaften mitbringen! Mit anderen Worten: Schlüsselkompetenzen sind zukünftig wichtiger als Fach- und Methodenkompetenzen. Wir sind also aufgefordert, einen gesellschaftlichen und politischen Rahmen zu schaffen, der diesen Kompetenzwandel einleitet und sicherstellt.

Kompetenzwandel einleiten

Und hier müssen wir zunächst einen kritischen Blick auf unser Bildungssystem werfen. Es ist leider nicht geeignet, Kreativität oder Empathie zu fördern. Im Gegenteil. Durch starre didaktische Muster, die Fokussierung fachspezifischer Methodik und die preußische Effizienzkultur werden selbstständiges Entdecken, eigenverantwortliches Lernen, die Entwicklung von Neugier und das kooperative Arbeiten in Teams systematisch verhindert. Wir benötigen in Deutschland dringend neue Konzepte für unsere Kindertagesstätten, Schulen und Hochschulen. Vorbilder finden sich in Skandinavien, wie wir aus diversen Pisa-Studien bereits wissen, der Schweiz oder in den USA.

Gleichzeitig sind neben der Politik aber auch die Unternehmen gefordert, Kreativität, Empathie und auch das Visionäre als Grundparadigmen im ganzen Unternehmen einzuführen, und nicht nur in der IT-Abteilung oder der Geschäftsführung. Es wird darum gehen müssen, dass jedermann den Drang verspürt, besser werden zu „wollen“, und die Freiheit hat, besser werden zu „dürfen“. Organisation und Führung werden sich damit ebenfalls einem weitreichenden Wandel unterziehen müssen, um den Herausforderungen der Digitalisierung gerecht zu werden.

Und so werden wir den größten Nutzen aus der Digitalisierung ziehen und weiterhin erfolgreich im globalen Wettbewerb sein!

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mm
Nach seinem Studium der Wirtschaftsinformatik an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster war Ralf Ziegenbein mehrere Jahre als Prozessberater u. a. im Gesundheitssektor tätig. Parallel promovierte er in den Wirtschaftswissenschaften, ebenfalls in Münster. An der International School of Management (ISM) in Dortmund lehrte und forschte er danach als Professor mehrere Jahre im Bereich „Geschäftsprozessmanagement“. Seit 2010 verantwortet Ralf Ziegenbein als Professor den Bereich „Produktions- und Prozessmanagement“ am Institut für Technische Betriebswirtschaft (ITB) an der Fachhochschule Münster. Dort ist er ferner Vorstand des Instituts für Prozessmanagement und Digitale Transformation (IPD). Neben seiner Tätigkeit in Lehre und Forschung war und ist Ziegenbein als Autor, Trainer, Moderator, Redner und Berater im Umfeld des Prozessmanagements und der Digitalen Transformation aktiv.

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