Wie smart ist Münster?

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Die Corona-Pandemie treibt die Digitalisierung voran, hört und liest man immer wieder. Trifft das auch auf die Stadt Münster zu? Im kürzlich veröffentlichten Smart-City-Index des Digitalverbands Bitkom liegt Münster auf Platz 14 von 81 untersuchten Großstädten. Klingt gut, aber Osnabrück liegt noch weiter vorne. Die Niedersachsen haben es gar unter die Top 10 geschafft. Wo liegen in Münster die Probleme und was können Münsteranerinnen und Münsteraner von ihrer Smart City künftig erwarten? Ein Gespräch mit Dr. André Wolf, der als Leiter der Stabsstelle „Smart City Münster“ für Projekte der digitalen Stadtentwicklung zuständig ist.

Herr Wolf, Platz 14 im Smart City Index 2020 des Digitalverbands Bitkom. Sind Sie mit dem Ergebnis zufrieden?

„Ich sehe dieses Ergebnis als Orientierungswert, und die wichtige Botschaft ist: Wir sind auf einem guten Weg. Die begonnenen Maßnahmen, um Münster zur Smart City zu machen, haben sich als richtig erwiesen. Das Smart-City-Verständnis eines Digitalverbands wie der Bitkom ist allerdings stark vom technisch Möglichen und weniger vom gesellschaftlich Nötigen geprägt. Für mich ist die Smart City Teil einer integrierten und nachhaltigen Stadtentwicklung. Daher ist für die weitere Entwicklung weniger ein Rankingergebnis wichtig als vielmehr, Mehrwerte für die Münsteraner Stadtgesellschaft sowie eine breite Anwendung der digitalen Lösungen zu schaffen.“

Dr. André Wolf, Leiter der Stabsstelle „Smart City Münster“
Dr. André Wolf, Leiter der Stabsstelle „Smart City Münster“

Was zeichnet eine smarte City eigentlich aus?

„Bei einer ‚Smart City‘ geht es um nachhaltige, integrierte Stadtentwicklung im digitalen Zeitalter. In einer Smart City sollen digitale Technologien miteinander verknüpft werden, um so die Lebensqualität zu steigern, den Energieverbrauch zu senken oder einfach die verschiedenen Technologien effizienter zu steuern. Im Kern geht es darum, dass das Münster von morgen besser ist als heute.“

„Im Kern geht es darum, dass das Münster von morgen besser ist als heute.“

Fällt auch das E-Government in Ihre Zuständigkeit? Also Verwaltungsdienstleistungen, die online dargestellt werden müssen?

„Wir arbeiten als Stabsstelle Smart City an den Schnittstellen von Digitalisierung und Stadtentwicklung und damit an Projekten in Handlungsfeldern wie Mobilität, Energie, Handel, Bildung und Wohnen. Daher ist unsere Stabsstelle im Bau- und Planungsdezernat angesiedelt. In einer Smart City erwarten die Bürgerinnen und Bürger aber auch eine digital aufgestellte Verwaltung und entsprechende Services. Das Thema E-Government liegt in den Händen des städtischen IT-Dienstleisters citeq. Und das Onlinezugangsgesetz regelt für Bund, Länder und Kommunen, bis Ende 2022 Verwaltungsleistungen über Verwaltungsportale auch digital anzubieten.“

Okay, das wissen viele vielleicht gar nicht. Wenn man an Smart City denkt, dann denken viele Bürgerinnen und Bürger vielleicht eher an E-Government.

„Deshalb sage ich auch gerne: Smart City ist zu 20 Prozent Technik und zu 80 Prozent Kommunikation. Wir müssen die Menschen mitnehmen. Es gibt auf der einen Seite technische Projekte, die Bürgerinnen und Bürger weniger wahrnehmen werden, die aber für die Steuerung der Stadt und die effiziente Nutzung von Ressourcen etwa in der Ver- und Entsorgung wichtig sind. Auf der anderen Seite gibt es Projekte, von denen Bürgerinnen und Bürger sehr wohl in ihrem Lebensalltag Veränderungen merken werden.“

„Mobilität ist ein wichtiges Thema einer Smart City.“

Nochmal zum Smart City Index 2020: In welchem Bereich macht die Stadt Münster es besonders gut?

„Mobilität ist ein wichtiges Thema einer Smart City. Hier sind wir und unsere Partner bereits mit Projekten wie dem ‚Leezenflow‘, einer Grünen-Welle-Ampel für Radfahrer, mit dem Bus-on-demand-Projekt LOOP und der Adaptiven Beleuchtung an der Kanalpromenade unterwegs. Im Frühjahr 2021 wird dann die Thermografiebefliegung starten. Ziel der Thermografiebefliegung ist es, Hauseigentümerinnen und Hauseigentümer für energetische Fragestellungen zu sensibilisieren, sie über Möglichkeiten der Energieeinsparung zu beraten und sie bei der Umsetzung von Maßnahmen zu unterstützen.“

Smart City Münster
Illustration: Maike Meßner

In der Bitkom-Untersuchung schneidet Münster beim Thema Mobilität trotz Leezenflow mit nur 50 von 100 Punkten schlecht ab. Welche Projekte bzw. Lösungen sind da noch in Arbeit?

„Hier muss man immer genau hinschauen, welche Fakten in die Bitkom-Bewertung eingeflossen sind. Projekte wie LOOP, kluge Lastenradlogistik für die letzte Meile etwa durch Unternehmen wie Leezenheroes oder Leezenkiepe oder geplante Mobilitätsstationen werden in der Bewertung nicht abgebildet. Für die Zukunft nehmen wir datengestützte Projekte für die Radverkehrsplanung ebenso in den Fokus wie Verbesserungen für den ÖPNV. Auch die App Klima-Heroes, die im Münsterhack 2020 entwickelt wurde, steht im Kontext Mobilität und Nachhaltigkeit. Bei der App geht es darum, spielerisch Klima-Retter zu werden, indem Menschen dazu animiert werden, im Alltag einen nachhaltigeren Lebensstil zu führen – mit klimarelevanten Echtzeitdaten aus Münster.“

Auch beim Thema Glasfaser schneidet Münster schlecht ab. Nur 4,5 Punkte. Gelsenkirchen erzielt hier den zehnfachen Wert. Köln sogar fast den zwanzigfachen. Woran liegt das?

„Auch hier gilt: genau hinschauen, welche Fakten in die Bitkom-Bewertung eingeflossen sind. Tatsächlich ist der Großteil der Schulen und sonstiger öffentlicher Gebäude bereits an das Glasfasernetz angeschlossen. Um den weiteren Ausbau kümmern sich die citeq sowie die Stadtwerke und die Telekom. Voraussetzung für einen wirtschaftlichen Glasfaserausbau ist auch die entsprechende Nachfrage der Bevölkerung, die im Rahmen von Vorvermarktungen abgefragt wird.“

Ohnehin schneidet Münster in der Bitkom-Studie am besten im Bereich „Gesellschaft“ ab. Dort rankt Münster gut, weil es eine lebendige Digitalszene hat. Dazu zählen das Hub sowie FabLabs und Co-Working-Spaces. An diesen Projekten ist die Stadt aber allenfalls im Hintergrund beteiligt. Muss da von kommunaler Seite nicht also noch deutlich mehr kommen, um die Stadt für die Herausforderungen der Zukunft gut aufzustellen?

„Zunächst: Im Ranking spielen beim Thema Gesellschaft unter anderem auch die sehr gute städtische Open-Data-Plattform und das Geodatenportal eine Rolle. Tatsächlich bedarf es für die Entwicklung einer Smart City Münster aber aktiver und tatkräftiger Partner aus allen Bereichen des städtischen Lebens. Diese haben wir in einer Allianz Smart City Münster zusammengeführt. Die Zusammenarbeit erfolgt in einem offenen Netzwerk, das sich sowohl digital organisiert als auch analog existiert. Darüber hinaus unterstützen wir den Verein münsterLAND.digital e.V., der mit seinem Projekt ‚Digital Hub münsterLAND‘ gemeinsam mit dem Münsterschen Unternehmen items Hauptinitiator des ‚Münsterhack‘ ist.“

Smart City Münster
Illustration: Maike Meßner

Der Bund fördert bereits seit 2019 zahlreiche Smart-City-Modellprojekte mit insgesamt über 800 Mio. Euro. Wie zu lesen war, hat die Stadt Münster sich bislang gar nicht um Fördergelder beworben. Warum nicht?

Ein solcher Wettbewerbsantrag muss inhaltlich gut vorbereitet sein. Die Antragsfrist im Jahr 2020 endete im April. Ich selbst bin im September 2019 gestartet, und das Team ist erst seit Mai 2020 komplett. Daher werden wir uns im Jahr 2021 um Fördermittel bewerben – für das erneut Gesamtmittel in Höhe von 300 Mio. Euro vorgesehen sind.

In Zeiten wie diesen wollen viele wissen, wie es mit der Digitalisierung an den Schulen weitergeht. Fällt das in Ihren Zuständigkeitsbereich?

„Dieses Thema ist so wichtig, dass dafür im Amt für Schule und Weiterbildung eine eigene Stabsstelle ‚Digitale Bildung‘ geschaffen wurde. Die Kolleginnen und Kollegen dort werden die Koordination und Umsetzung der Prozesse zur Digitalisierung der Schulen zügig und personalverstärkt angehen.“

Danke für das Gespräch.

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Stefan Reinermann ist Digital Journalist, Online-Marketing-Manager und als Inhaber und Geschäftsführer der Agentur r2medien auch Herausgeber dieses Blogs. Nach einer Ausbildung zum Versicherungskaufmann bei den Westfälischen Provinzial Versicherungen in Münster und einem Studium an der Deutschen Sporthochschule in Köln kam der gebürtige Emsdettener über Stationen in Redaktionen und Agenturen in Köln, Bonn, Leverkusen, Düsseldorf und Osnabrück schließlich zurück nach Münster und gründete hier 2004 die Agentur r2medien. Den Mehrwert von Netzwerken, kollaborativem Arbeiten und dem Teilen von Wissen hat er in den vergangenen Jahren in zahlreichen Projekten zu schätzen gelernt. Das war in erster Linie sein Antrieb zur Realisierung dieses Blogs.

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