Die digitale Baustelle

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Franz-Niklas Büter kennt Baustellen seit seiner Kindheit. Seine Familie hat in Ochtrup ein Hoch- und Tiefbau-Unternehmen, einen Bauservice und einen Baumarkt. Er selbst studiert Bauingenieurwesen. Im vergangenen Jahr hat er an der Fachhochschule Münster seinen Bachelor gemacht. In seiner Abschluss-Arbeit ging es um digitale Lösungen für die Baubranche. Franz-Niklas Büter hatte das alles schon abgehakt und das nächste Ziel vor Augen, den Master, als es im Februar beim Baubetriebstag hieß, gleich werde noch jemand ausgezeichnet, aber der junge Mann wisse davon noch gar nichts. Minuten später rief man Büter nach vorn, um ihm den Anerkennungspreis der IBB Westfalen GmbH für die beste baubetriebliche Abschlussarbeit im Jahr 2019 zu überreichen.

digitalisierungspraxis.de hat mit Franz-Niklas Büter darüber gesprochen, wie die Digitalisierung die Baubranche verändert.

Herr Büter, auf Baustellen spielt Papier immer noch eine große Rolle. Was geht den Unternehmen dadurch verloren?

„Die Zettelwirtschaft führt dazu, dass vieles kompliziert wird, was gar nicht kompliziert sein müsste.“

Was zum Beispiel?

„Am stärksten aufgefallen ist mir das bei der Erfassung der Lohnstunden auf den Baustellen. Da wird ein Stundenzettel geführt, auf dem der Polier die Arbeitsstunden notiert. Es gibt bestimmte Kürzel, wenn Stunden nicht vollständig geleistet werden konnten, zum Beispiel durch schlechtes Wetter oder Krankheit. Es kann passieren, dass ein Mitarbeiter aus einer Kolonne auf eine andere Baustelle wechselt. Die Stunden werden nicht übertragen. Zettel verschwinden. Später in der Buchhaltung ist das kaum noch nachzuvollziehen. Ich hatte davon in meiner Bachelor-Arbeit ein Foto. Überall stapeln sich diese Zettel. Da gerät schnell einiges durcheinander.“

Sie haben sich für Ihre Arbeit verschiedene Lösungen angesehen, die diese Probleme lösen.

„Genau. Software-Lösungen regeln das zum Beispiel so, dass die Personalplanung den Polier auf seinem Mobilgerät anpiept und ihn fragt, wie lange ein Mitarbeiter auf der Baustelle war. Der Polier antwortet. Damit ist die Sache geregelt. Die Daten gehen direkt an das Lohnprogramm. Das bringt vielleicht etwas mehr Aufwand bei der Planung. Aber man spart sich die Zettelwirtschaft, die Übergabe und die Telefoniererei.“


Worum genau ging es in Ihrer Arbeit?

„Meine Arbeit hatte den Titel ‚Betrachtung und Analyse von EDV-basierten Lösungen zur Baustellenplanung und Durchführung‘. Die Arbeit habe ich mit Blick auf unser Unternehmen erstellt. Da ging es zunächst um die Besonderheiten der Baubranche bei der Digitalisierung. Dann habe ich mir die Struktur und die Arbeitsprozesse angesehen und die Frage gestellt: Wo kann die Digitalisierung ansetzen? Und im letzten Schritt ging es um die EDV-Lösung, die dafür am besten geeignet wäre.“

Wie viele Programme haben Sie sich angesehen?

„Drei. Zum einen BPS-Software, die hatten ein Partnermodul in Zusammenarbeit mit 123erfasst. Dann war da Bau7. Das ist eine Software eines niederländischen Unternehmens. Und Connected2Mobile. Die Lösung heißt BauMobil.“

Was genau können diese Programme?

„Sie helfen dabei, die Arbeit auf Baustellen zu organisieren. Bauleiter können damit den Einsatz von Mitarbeitern und Maschinen planen. Die Software hilft bei der Lohnbuchhaltung. Und man kann über sie kommunizieren. So spart man sich Nachrichten, die irgendwo im Büro für jemanden hinterlegt werden. Über die Software kommt die Nachricht dann einfach auf dem Smartphone des Mitarbeiters an.“

Warum nutzen viele Firmen diese Lösungen nicht?

„Die Antwort ist recht einfach: Wenn man diese Systeme einsetzen möchte, muss man zunächst Zeit investieren. Und da fehlen den Firmen die Kapazitäten. In kleinen und mittelständischen Unternehmen zählt jede Arbeitskraft. Da kann man nicht einfach mal eine Arbeitsgruppe bilden, die sich um die Umsetzung kümmert.“

„Am Ende geht es darum, wettbewerbsfähig zu bleiben“

Hinzu kommt, dass viele Mitarbeiter schwer von digitalen Lösungen zu überzeugen sind, wenn die alten Prozesse seit Jahren funktionieren. Haben Sie sich damit auch beschäftigt?

„Das ist auf jeden Fall so. Wir haben in unserem Unternehmen zum Beispiel ein recht hohes Durchschnittsalter. Ältere Mitarbeiter tun sich ja oft etwas schwerer mit digitalen Lösungen als jüngere. Man muss nur eben sehen, dass das Bauen sich verändert – und damit auch die Anforderungen, die an die Unternehmen gestellt werden. Ich glaube aber, dass es schon gelingt, die Mitarbeiter davon zu überzeugen. Am Ende geht es ja darum, wettbewerbsfähig zu bleiben. Und das ist ja auch im Interesse der Mitarbeiter.“

Setzen Sie diese Lösungen im Unternehmen Ihrer Familie schon ein?

„Wir sind dabei. Zwar noch in der Startphase, aber die Software ist schon einsatzbereit. Im März wäre der Startschuss gefallen. Aber die Schulungen fallen jetzt wegen der Corona-Krise leider erst mal aus. Es verzögert sich alles etwas.

Digitale Baustelle
Freuten sich mit Preisträger Franz-Niklas Büter (mitte) über die Auszeichnung für die beste baubetriebliche Abschlussarbeit im Jahr 2019: Laudator Hermann Schulte-Hiltrop, Prof. Dr.-Ing. Jürgen Biernath, FH-Vizepräsident Carsten Schröder und Prof. Dr.-Ing. Henriette Strotmann (v.l.n.r.). Foto: FH Münster/Stefanie Gosejohann


Für welche Lösung haben Sie sich entschieden?

„Für BauMobil von Connected2Mobile. Letztendlich haben Detailfragen den Ausschlag gegeben. Unter dem Strich sind die Unterschiede nicht groß. Ein Programm hatte ein Abonnement-Modell, das uns nicht optimal erschien. Wichtig war uns das Erweiterungspotenzial, wenn wir später noch weitere Funktionen brauchen. Dann ging es auch um die Systemvoraussetzungen. Es war ein Konstrukt aus Kriterien, die wir gewichtet und bewertet haben. Im Grunde machen die Programme aber ungefähr das Gleiche.“

Was können andere Unternehmen aus Ihrer Arbeit lernen?

„Das hängt alles sehr von den Bedürfnissen des einzelnen Unternehmens ab. Aber man kann sicher allgemein sagen: Unternehmen sollten sich den Vorteilen nicht verschließen. Digitale Lösungen haben immer Vorteile. Und davon kann jedes Unternehmen profitieren. Man muss nur schauen: Was brauchen wir wirklich? Und was brauchen wir nicht? Das Angebot ist riesig. Man braucht nur einmal zu googeln, dann findet man zwanzig Vorschläge. Es ist sicher ratsam zu schauen, dass man erst mal einen Einstieg in das Thema findet. Und dann kann man das Schritt für Schritt aufbauen.“

Digitale Baustelle


Worauf sollten Unternehmen dabei achten?

„Ich würde empfehlen, zuerst eine Bestandsaufnahme zu machen und einfach mal zu schauen: Wo fallen die größten Berge an Zetteln an? Dann kann man an vielen Stellen schon auf den ersten Blick sagen: Das könnte besser laufen. An diesen Stellen kann man sehr gut ansetzen, und da wird man auch schnell Erfolge sehen. Oft sind das auch gar keine speziellen Prozesse, sondern recht einfache – wie die Lohnstundenabrechnung oder die Mitarbeiterplanung eben. Wir haben im Unternehmen noch immer eine große Tafel mit allen Baustellen. Jeder Mitarbeiter hat einen Stecker mit seinem Namen. Und die steckt man auf die entsprechenden Baustellen. Das muss man sich nur einmal ansehen, dann erkennt man: Das kann man digital viel besser machen. Und mit diesen Sachen fängt man am besten zuerst an.“

„Das muss man sich nur einmal ansehen, dann erkennt man: Das kann man digital viel besser machen“

An welchen anderen Stellen in der Baubranche sehen Sie Möglichkeiten, Dinge mit digitalen Lösungen zu vereinfachen?

„Zum Beispiel beim Bautagebuch. Das dient dazu, täglich eine Bestandsaufnahme zu machen, damit man Dinge nachvollziehen kann, wenn der Auftraggeber etwas bemängelt oder Ansprüche geltend macht. Zurzeit läuft das noch so, dass die Poliere mit ihrer Digitalkamera ganz viele Fotos schießen, die dann bestenfalls im Büro landen, in irgendeinem Ordner auf der Festplatte. Man kann diese Fotos aber auch direkt über die Software machen. Dann schreibt man dazu einen Satz oder spricht ihn ein. Und die Software macht daraus einen fertigen Bericht, der auf dem Firmenserver in der Baustellenakte automatisch dem richtigen Tag zugeordnet wird. Und das spart einfach sehr viel Zeit und im Zweifel auch viel Ärger.“

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mm
Stefan Reinermann ist Digital Journalist, Online-Marketing-Manager und als Inhaber und Geschäftsführer der Agentur r2medien auch Herausgeber dieses Blogs. Nach einer Ausbildung zum Versicherungskaufmann bei den Westfälischen Provinzial Versicherungen in Münster und einem Studium an der Deutschen Sporthochschule in Köln kam der gebürtige Emsdettener über Stationen in Redaktionen und Agenturen in Köln, Bonn, Leverkusen, Düsseldorf und Osnabrück schließlich zurück nach Münster und gründete hier 2004 die Agentur r2medien. Den Mehrwert von Netzwerken, kollaborativem Arbeiten und dem Teilen von Wissen hat er in den vergangenen Jahren in zahlreichen Projekten zu schätzen gelernt. Das war in erster Linie sein Antrieb zur Realisierung dieses Blogs.

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